freunde der nacht, seid mir gegrüßt!
ich bin seit sonntag abend aus ha'erbin zurück, allerdings musste ich erst schlaf nachholen. und ich schlag mich mit der zweiten erkältung innerhalb von 14 tagen rum, die wohl der kälte geschuldet ist. die temperaturen sind innerhalb von zwei tagen richtig fies gefallen, dazu geht ein starker wind, wir haben keine heizung und kein warmwasser zum duschen. montezuma hat sich bei mir häuslich eingerichtet und wird sich wohl bis ende september nicht mehr vertreiben lassen. ich verbringe meine tage also derzeit hauptsächlich mit unterricht, lernen, frieren und toilette. aber ich will nicht meckern, hey, ich bin in china!
ha'erbin (哈尔滨) muss ich noch nachliefern, schätze ich. das ist die hauptstadt der provinz heilongjiang ( 黑龙江), einer der drei provinzen des dongbei. relativ nahe an der russischen grenze gelegen (also nahe für chinesische verhältnisse), ist der russische einfluss im stadtbild auch deutlich spürbar. geht man durch die innenstadt, fühlt man sich weniger in china als in europa, wären da nicht die chinesischen schilder über den läden, könnte man genausogut in würzburg sein.
jedes vierte geschäft ist speziell auf russische kunden zugeschnitten, mit pelzen a la sibirien, armeeferngläsern, gefälschten zippo-feuerzeugen, schmuck aus dem typischen sehr roten gold und puppen, spiegeln und glitzerkram für die damen.
betritt man einen dieser läden als europäer, ist man auch automatisch russe; und nachdem niemand denkt, dass wir zumindest ein bisschen chinesisch können, kann man die ein oder andere nette bemerkung seitens des personals aufschnappen.
genächtigt haben wir in einem vier-sterne-hotel, dessen gäste, ist ja klar, hauptsächlich russen sind. nach einem anstrengenden tag mit viel rumgesitze im bus hatten wir am abend endlich ein bisschen zeit zur freien verfügung. yün, olga und ich haben sie genutzt, um uns die innenstadt inklusive ihrer einkaufstempel anzuschauen; und tatsächlich wurden wir auch alle fündig.
nach erfolgreicher jagd sind wir noch in einer "american bar" abgestiegen. dort gab es live-musik, eine chinesische sängerin und ein gitarrist, wirklich schön, dazu noch den besten kaffee seit ich in china bin, ha'erbin-bier, das mit unserem deutschen sehr wohl mithalten kann und meine zwei freundinnen. was ein abend. es gibt jemanden, mit dem ich das gern geteilt hätte, der aber leider nicht da sein kann, deshalb war es eine seltsam glücklich-traurige sache, aber vielleicht gerade wegen dieser diversität in meinem inneren der intensivste und beste abend seit langem.
im übrigen fiel mir beim besuch dieser bar einemal mehr auf, dass die chinesen, wie die japaner auch, ein seeehr geringes bzw verzerrtes wissen in puncto weltgeschichte haben. in einer vitrine an der wand hing stolz eine hakenkreuzfahne aus. an den wänden, neben filmstars und gis männer in ss-uniform. auf einem sims an der ecke eine hitler-büste. inmitten von bierfilzen aus aller welt, aufgeblasenen sexgummipuppen beiderlei geschlechts und riesigen afrikanischen phalli.
anderes beispiel dazu ist auch der hausmeister in unserem wohnheim: kurz nach unserer ankunft hat er uns stolz mit gestrecktem arm und "heil" begrüßt.
ich frage mich, ob sie nicht wissen, was damals passiert ist, oder es einfach nicht wissen wollen, oder es wissen, es ihnen aber egal ist.
trotz dieser historischen fehlfunktion ist die bar aber weiterzuempfehlen, also wenn ihr in harbin seid....und unser hausmeister ist auch nett.
ich denke, das ist eine bildungslücke. auch wenn man sich anhört, was chinesen über ihren "chairman" mao wissen. mir stehen ab und zu die haare zu berge. aber dazu vielleicht ein anderes mal.
das nächste worüber ich mich aufregen könnte, ist der umgang der chinesen mit tieren. wir haben am zweiten tag ein gehege für tiger besucht. diese felinen einzelgänger mit in freier wildbahn riesigem revier leben dort in rudeln auf beengtem raum. der fahrer unseres vergitterten busses hielt auch ab und zu direkt auf eines der armen viecher zu, um es für fotos in die enge zu treiben. ich meine, es ist schon beeindruckend, 300kg muskulöse katze rennen zu sehen, kraftvoll und elegant, aber nicht um diesen preis. und am ausgang dann etwas, das mich richtig fertig gemacht hat: ein kleines gehege mit hüfthohem zaun, kein schatten, in der mitte ein stuhl mit echtem tigerfell daruaf und in die ecke gedrängt ein einsames tigerjunges, zu jung um ohne mutter zu leben, verängstigt, verwahrlost und irgendwie krank aussehend. fotos mit dem armen ding für 50kuai. den diensteifrigen chinesen der daneben wache stand und die kunden anlocken wollte, hätte ich am liebsten verprügelt.
ich bin kein moralapostel und auch nicht gewalttätig. und es stimmt, das china genug probleme mit seinen menschen hat, warum sich dann so aufregen wegen eines tigers. mag sein. aber offensichtliches leid für geldmacherei ist mir einfach zuwider. anderes land, andere werte mag mir da jemand an den kopf werfen. aber man sieht, dass das ding krank ist. die chinesen mit ihrer kultur von mehreren tausend jahren und dem philosphen, der mitleid als eine dem menschen angeborene charaktereigenschaft definierte, die ihn erst menschlich macht....sie wissen dass das auf keinen fall richtig ist. und sowas kann ich nicht ab. die ignoranz um des geldes willen.
weiter ging die tortur dann im aqua-park. polarwölfe in einem gehege so groß wie mein zimmer im wohnheim...stumpfsinnig im kreis laufend, total verstört. anderes gehege, gleiche größe, zwei eisbären. wasserbecken, 10x5x5m: zwei belugas. ich dachte ich spinne. wunderschöne tiere...kraft...schwerelosigkeit im wasser, langstreckenschwimmer, eingesperrt.
ich will mich nicht weiter darüber auslassen, ihr wisst, was ich denke.
wir waren dann zum glück relativ schnell wieder draussen, über den park, den wir gesehen haben,gibt es nicht viel zu schreiben, war halt ein park mit ner menge brautpaare, die darin ihre fotos geschossen haben. das war dann auch schon der ganze ausflug.
vielleicht noch ein wort zu einer anderen wohl typisch chinesischen sache. man ist hier ständiger bevormundung ausgesetzt. beispielsweise kann man nicht in einem park am ufer eines flusses sitzen ohne von einem parkwächter weggescheucht zu werden. man könnte ja ins 20cm tiefe wasser fallen.
oder unser führer. fünf minuten hinsetzen um die aussicht zu genießen während die anderen einmal das monument umrunden und dann eh wieder an mir vorbeikommen wird nicht geduldet. ich MUSS mitlaufen.
in china muss alles in der masse passieren, individualismus oder abweichendes verhalten wird nicht gerne gesehen und selbst bei ausländern teilweise nicht geduldet. alles ist masse: massentourismus, massenveranstaltungen, massenunterkünfte etc.
ich hab als individualist aus prinzip und backpacker aus leidenschaft damit ab und zu meine probleme.
bei diesen kritischen tönen will ichs für heute belassen. mein fieber steigt und ich muss noch zum menwatching (das einzig gute, was die massensache hervorbringt: jede menge chinesische studenten duschen im waschraum des männerwohnheims gegenüber. und unser wäscheraum liegt auf einer günstigen ebene. die anderen mädels besorgen grad bier und popcorn...) und meine zwei bier vernichten, bevor ich zu krank dafür bin.
gehabt euch wohl!